Nord-Ostsee-Kanal Infos | Startseite arrow Kieler Nachrichten arrow Sicher durch den Kanal
Sicher durch den Kanal
Geschrieben von Frank Behling   

Kiel – Um ein großes Schiff sicher durch den Kanal zu bringen, bedarf es einer Menge Fingerspitzengefühl. Seit fast genau 100 Jahre nehmen deshalb speziell ausgebildete Kanalsteurer in Kiel und Brunsbüttel das Ruder von Schiffen mit mehr als 100 Metern Länge in die Hand.
Seit dem 24. September 1908 gibt es den Verein der Kanalsteurer. „Viel Zeit hat man nicht, um sich auf das Schiff einzustellen“, sagt Ralf Schöttler, der seit 1980 Kanalsteurer ist. „Mit dem geradeaus fahren ist es im Kanal nicht getan“, erklärt er. Besonders wenn sich Schiffe im Konvoi begegnen, müssen die Steurer schnell reagieren. Selbst erfahren Kapitäne staunen, wenn der Steurer dann auf gerader Strecke plötzlich das Ruder dreht und das Schiff trotzdem weiter geradeaus fahre, sagt Schöttler. Der Grund: Wenn sich zwei Schiffe begegnen, sorgt das von den Schiffen verdrängte Wasser dafür, dass die Schiffe anschließend zur Mitte des Kanals gedrückt werden. Kommt dann im Konvoi ein weiteres Schiff entgegen, droht ohne Gegenlenken eine Kollision.

Von der Kommandobrücke eines größeren Massengutfrachters hat der Steurer, hier bei Königsförde, den Kanal genau im Blick.

Genau diese Erfahrung fehlte in den Anfangsjahren des Kanals vielen Rudergängern der Schiffe. Die Folge: Es kam oft zu Kollisionen. Im Frühjahr 1900 traten für die Kanalverwaltung die ersten acht Steurer den Dienst an. Sie steuerten die Schiffe, während der Lotse den Kapitän beriet. So wird es auch heute noch gehandhabt.
Ein Unfall führte 1908 zur Gründung des Vereins. Ein Kanalsteurer war im Dienst tödlich verunglückt und die kaiserliche Kanalverwaltung wollte der Familie keine Rente zahlen. Das Reichsversicherungsamt gab der Familie des Verstorbenen aber recht und verpflichtete das Kanalamt zur Zahlung. Darauf drängte die Kanalverwaltung die übrigen Steurer zur Gründung eines Vereins, in dem sie ihre Angelegenheiten eigenverantwortlich regeln sollten.

Die Männer sind meistens zu zweit unterwegs. Nur kleinere Schiffe mit 100 bis 120 Metern Länge kommen mit einem Steurer aus und wechseln ihn in Rüsterbergen bei Rendsburg.
Das wird nie langweilig“, sagt auch Udo Schmidt. Der 42-jährige kam von der TT-Fähre „Nils Holgersson“ zu den Kanalsteurern. Der gebürtige Sylter verdiente seinen Lebensunterhalt auch schon mit der Fischerei und hat außerdem sechs Jahre als Busfahrer in Liverpool gearbeitet. Die Arbeit als Steurer mache aber am meisten Spaß, sagt er. Und auch sein Kollege Dirk Almann (55) ist begeistert. Er arbeitete vorher auf Frachtern und Schleppern und ist seit sieben Jahren dabei.

Für die Dauer des Einsatzes sind die Steurer Teil der Besatzung und haben an Bord

„Anspruch auf freie Verpflegung zu den für die Schiffsmannschaft festgelegten Mahlzeiten sowie auf unentgeltliche, reinliche Unterkunft und Schlafstätte“,

wie es in der Verfügung des Kaiserlichen Kanalamtes von 1916 festgelegt ist.

Das gilt auch heute noch, wie Arno Schmidt erklärt. Geschlafen werde heute aber höchsten in den beiden Gebäuden in Holtenau und Brunsbüttel. Der Verein besteht zurzeit aus 154 Mitgliedern. Alles Nautiker mit Patent. „Bis zum Jahresende werden es wohl 172 Mitglieder sein“, sagt Schöttler. So viele Kanalsteurer gab es in der seit Gründung des Vereins noch nie.

 
< zurück   weiter >