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Nord-Ostsee-Kanal Artikel

Heike Stüben, Kieler Nachrichten vom 09.08.2008

 

Auf der Sehestedter Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal - Eine sommerliche Momentaufnahme


Sehestedt
- Weit ist es nun wirklich nicht von Jörg Sieberts Haus zur Kirche. Vielleicht 250 Meter. Dennoch ist der Weg etwas Besonderes. Denn er führt über die schwimmende Straße mitten im Ort. Die "VS Stolpmünde", die Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal, verbindet das geteilte Sehestedt und bringt für ein paar Minuten ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die eines eint: Sie alle sind auf dem Weg.

Jörg Siebert zum Beispiel kommt heute mit Gießkanne und Hacke auf die Fähre. Der 42-Jährige will auf den Friedhof neben der Kirche auf der anderen Kanalseite. "Meine Oma hat viel für mich getan. Deshalb kümmere ich mich jetzt um ihr Grab", sagt der Bäcker, der bis vor wenigen Jahren noch ein echter Nachtpassagier war. Damals arbeitete er auf dem anderen Kanalufer, musste nachts immer um 1.15 Uhr die Seite wechseln. "Die Besatzung wusste das und stand stets auf dieser Seite bereit." Das galt auch für jene Sturmnacht. "Damals haben sie mich übergesetzt, damit ich rechtzeitig Brötchen backen konnte. Sie hätten es bestimmt ablehnen können bei dem Wetter. Es ging echt hoch her an Bord, und ich hab lieber die Augen zugemacht."

Das kann sich Uwe Albrecht natürlich nicht leisten. Unablässig muss der Decksmann für die reibungslose und sichere Be- und Entladung sorgen. 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr muss das Personal vom Wasser- und Schifffahrtsamt Kiel-Holtenau dies gewährleisten. Dreischichtbetrieb, nur unterbrochen von vier Pausen je 15 Minuten und einer nächtlichen Maschinenkontrolle. Eine Sisyphusarbeit. Denn kaum sind die maximal zwölf Pkw, die Radler und Fußgänger in wenigen Minuten auf die andere Seite gebracht, hat sich dort schon wieder die nächste Warteschlange gebildet. Das ist noch gar nichts. Sie müssen mal am Wochenende kommen, sagt Albrecht. Klar, denkt man, irgendwoher müssen die fast fünf Millionen Autos, die allein 2007 von den 13 Pkw-Fähren über den Kanal befördert wurden, ja herkommen. Aber da ist Albrecht schon wieder unterwegs - die 29,7 Meter zum anderen Ende fürs nächste Anlegemanöver{hellip} Ist das hier denn nun das Heck oder der Bug, will der neunjährige Lasse Dühr wissen. Gute Frage, denn tatsächlich sehen beide Enden der Fähre ja vollkommen gleich aus. Deshalb redet man im Alltag hier nicht von Bug und Heck, sondern von der Doppelendfähre. Aha, nickt der Dreikäsehoch, diese Fähre ist also wie ein Würstchen, und stiefelt mit seinen Freunden von Bord, um irgendwo einen dicken Fisch an Land zu ziehen.

Bei der nächsten Fahrt dürfen nur vier Autos mit. Der übrige Platz ist für zwölf Hufe und sechs Füße reserviert: Gwen Jarchow (22) und Arkascha Kaelin-Paasch (16) aus Hamburg und Sabrina Fuchs (24) aus Lübeck sind auf ihrem ersten großen Wanderritt. Wir sind vor fünf Tagen in Hamburg und Lübeck gestartet und wollen Gwen so weit wie möglich nach Norden bringen, weil sie das kommende Semester Wirtschaftsingenieurwesen im dänischen Aarhus studiert, erklärt Sabrina, und irgendwie müssen wir ja über den Nord-Ostsee-Kanal kommen. Doch ihre Pferde sind nach der Tour durch Schleswig-Holstein einiges gewöhnt. Da kann sie auch die fahrende Straße nicht schrecken. Das gilt auch für echte Bayern wie Alexander Schmid und Brigitte Bauer, gerade zu Besuch bei Miriam Huber in Bovenau. So eine Fähre finde ich charmant, sagt der Landshuter und auf die Frage, ob man daheim auch so die Kanäle quert: Nein, wir bauen da Brücken 'rüber.

 
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