AIS-Technik

Artikel von Frank Behling in den "Kieler Nachrichten" vom 09.10.2006

Verkehrssicherungssystems (VSS) für den Nord-Ostsee-Kanal in Betrieb

Verkehrssicherungssystems (VSS) für den Nord-Ostsee-Kanal in Betrieb

Elektronik soll Schiffe durch den Kanal führen

Brunsbüttel – Mit einem symbolischen Knopfdruck hat Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) am Sonnabend in Brunsbüttel ogffiziell das neue Verkehrssicherungssystems (VSS) für den Nord-Ostsee-Kanal in Betrieb genommen.
Fast 14 Millionen Euro investierte der Bund in die Einührung des neuen Systems. Ziel ist es, die Überwachung der Schiffe auf dem Kanal mit weniger Personal zu ermöglichen.
Fast zehn Jahre lang wurde an der Entwicklung des VSS NOK gearbeitet. Minister Tiefensee bezeichnete das Ergebnis als zukunftsweisend und einmalig in der Welt. Besonders erfreut zeigte sich Tiefensee ber die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit, da die ihm unterstehenden Wasser- und Schifffahrtsämter in Holtenau und Brunsbttel mit der Automatisierung 67 Mitarbeiter einsparen sollen. Bislang waren ür den Betrieb der 16 Weichenstationen und beiden Revierzentralen 120 Beamte und Angestellte notwendig. Zukünftig wird es nur noch zwei Betriebsstellen mit insgesamt 53 Mitarbeitern geben. Dabei handelt es sich um die beiden Schleusenleitsstände in Brunsbüttel und Holtenau und die neue Verkehrszentrale in Brunsbüttel.
Von Brunsübttel aus soll zukünftig der ganze Kanal mit den 43000 Schiffspassagen pro Jahr überwacht werden. Schlüssel zum Erfolg ist dabei die AIS-Technik, bei der Transponder auf den Schiffen im Sekundentakt über Ultrakurzwelle Daten ber Kurs, Geschwindigkeit und Größe funken.
Diese Daten werden von fünf Empfangsstationen am Kanal aufgefangen und zum Rechner nach Brunsbüttel übertragen werden.
Der Rechner arbeitet die AIS-Daten in ein Verkehrsdiagramm ein, das den Mitarbeitern in der Verkehrszentrale die Positionen und die Geschwindigkeit der Schiffe anzeigt. Aufgrund dieser Daten sollen dann die Passagen in den Weichen abgestimmt werden.
Diese Arbeit erledigten früher Nautiker und ihre Assistenten in den beiden Revierzentralen in Holtenau und Brunsbüttel mit Bleistift und Lineal auf einem Weg-Zeit-Diagramm.
Ein Verfahren, das zuverlässig seit mehr als 40 Jahren in Betrieb ist und weder durch Stromausfall, Softwareprobleme noch Funkstörung zu stoppen war. Es hatte nur einen Nachteil: Es benötigte 120 Mitarbeiter.

Der reibungslose und personalsparende Betrieb mit der neuen Technik ist aber vorerst noch Zukunftsmusik.
Als Minister Tiefensee am Sonnabend auf den Knopf drckte, sah die Realität hinter den Kulissen noch anders aus. Dort zeichneten die Nautiker in der Zentrale weiter mit Bleistift und Lineal. "Das System arbeitet nicht zuverlässig. Es gibt zu viele Probleme", bestätigt ein Mitarbeiter des Amtes.
Von einem Zusammenbruch am Vortag war gar die Rede. So komme es auch nach einem halben Jahr Probebetrieb immer wieder vor, dass das System Schiffe schlicht verliert oder auf völlig falsche Positionen anzeigt. Schiffe, die bei der überwachung aber verloren gehen, erhöhen das Risiko von Kollisionen.
Die Ursache ür dieses Problem liegt meist an Bord der Schiffe. Da hier zig verschiedene Arten von AIS-Geräten genutzt werden, gibt es Unterschiede bei der Qualität und Zustand auf den Schiffen. Oft ist es auch die mangelnder Qualifikation der Besatzung, die zu Fehlprogrammierungen der Geräte an Bord führt.

Mahnende Worte kamen angesichts von so viel Automatisierung von den Lotsen. Dieter Blöchl, Vorsitzender der Bundeslotsenkammer, wünschte sich ür die mehr als 300 Kanallotsen, das auch weiterhin "qualifizierte Menschen hinter den Maschinen sitzen, die auch manuell Entscheidungen treffen können". für die Schiffsmakler Sartori & Berger und UCA äußerte Konsul Volkert Knudsen die Hoffnung, dass das VSS NOK den Verkehr beschleunigen wird.
Daür muss das System aber erst fehlerfrei laufen. Bis Mitte Dezember wollen die Techniker die Probleme in den Griff bekommen, hieß es am Rande der Veranstaltung.
Dieser Termin müsse unbedingt gehalten werden, da der Minister auf die Personaleinsparungen bestehe. Der Personalabbau bedeutet nämlich Einsparungen von 3,317 Millionen Euro. Auch bei der Frage nach dem Personalengpass bei den Fähren gab es kein klares Bekenntnis zur Belegschaft.
Zu den Fähren ließ sich der Minister nur die Zusage entlocken, dass man dort schon eine "Lösung finden" werde.
Die Gewerkschaft Verdi hatte angesichts der zum Teil dramatischen Personalengpässe in den Kanalbehörden während des Ministerbesuchs vor der Schleuse eine Mahnwache abgehalten.